direkt zum Inhalt





Bürgermeister Buchwinkler & Bauhofleiter Mader im Interview

Biosphären-Blühfläche mit autochthonem Saatgut steht im 2. Jahr in voller Blüte

Das Wildbienenprojekt der Biosphärenregion Berchtesgadener Land – ein Gemeinschaftsprojekt mit den Nationalen Naturlandschaften e.V. und mit Förderung durch die Allianz Versicherung – schafft neue artenreiche Blühwiesen und Wildbienenflächen im Berchtesgadener Land. Die Flächen werden gemeinsam mit Kommunen, Vereinen, Unternehmen, Landwirten und Privatpersonen angelegt und betreut. Das regionale Saatgut dafür wird im Frühsommer auf artenreichen Blühwiesen mit dem e-Beetle geerntet, getrocknet und im Herbst dann ausgebracht. Diese artenreichen Blühflächen mit mindestens 40- 60 verschiedenen Kräutern und Gräsern schaffen Lebens- und Nahrungsraum für viele Insekten. So gibt es im Berchtesgadener Land allein noch mehr als 250 verschiedene Wildbienenarten.
In der Gemeinde Saaldorf-Surheim wurden mehrere Blühflächen mit autochthonem Saatgut angelegt. Der Leiter des Bauhofs, Helmut Mader, begleitete die Aussaat der Flächen und ist für deren Pflege zuständig. Hier berichtet er, gemeinsam mit Bürgermeister Andreas Buchwinkler, über seine Erfahrungen und weitere Aktivitäten der Gemeinde.

Hr. Mader, Sie hatten bereits vor dem Anlegen der Biosphären-Blühfläche im letzten Frühjahr einige Erfahrung mit der Anlage von mehrjährigen Blühwiesen sammeln können? Was war für Sie das Besondere, das es zu beachten gibt?
Mader: Die Biosphären-Blühflächen sind zwei von mehreren Flächen in der Gemeinde, die wir in den letzten Jahren entwickelt haben. Die meisten Flächen sind durch die Umstellung der Mähhäufigkeit entstanden. Wir haben dann beobachtet, welche Vielfalt sich auf der Wiese im Laufe der Zeit entwickelt, wenn wir nur noch zwei Mal im Jahr mähen. Bei der Neuanlage einer Blühwiese ist grundsätzlich der Boden das Ausschlaggebende: mehrjährige Blühwiesen wachsen besonders gut auf nährstoffärmeren Böden. Geduld ist auch wichtig. Die Blühwiese braucht Zeit, um sich zu entwickeln und gerade in den ersten beiden Jahren muss man die Fläche gut beobachten. Der Grasaufwuchs darf beispielsweise nicht zu stark sein, da dieser sonst den Wuchs der bunten Wiesenblumen behindert. Bis zur vollen Pracht dauert es mindestens zwei bis drei Jahre.

Wie sieht die Pflege solcher mehrjährigen Blühwiesen aus? Auf was muss dabei geachtet werden?
Mader: Wenn das Gras im Frühjahr stark wächst, dann hat es sich sehr bewährt, diesen Aufwuchs mit einer Mahd in ca. 15 cm Höhe zurückzuschneiden. Das bringt Licht an die jungen Blühpflanzen und sorgt für besseres Wachstum und mehr Durchsetzungskraft gegenüber den Gräsern. Eine Mahd im Sommer nach dem Absamen und ein zweiter Pflegeschnitt im Herbst sind für die weitere Pflege ausreichend. Wir arbeiten fast ausschließlich mit dem Balkenmäher. Das Schnittgut lassen wir dann zum Trocknen noch einige Tage auf der Fläche liegen und räumen es dann ab. Diese Methode ist auch sehr Insekten-schonend. Größere Wiesen mähen wir oft in zwei Schritten:  der zweite Teil der Wiese wird erst später gemäht, wenn die erste Schnittfläche schon wieder Aufwuchs hat; damit schafft man Insekten und anderen Tieren ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Grundsätzlich ist der Mahdzeitpunkt entscheidend für den Artenreichtum auf der Fläche: zu früh, zu häufig, zu radikal lassen keinen Platz für Vielfalt.

Wie unterscheidet sich die Pflege einer solchen Wiese von anderen Grünflächen in der Gemeinde?
Mader: Definitiv im Arbeitsaufwand. Mittlerweile werden nur mehr 10-20 % unserer Grünflächen in der Gemeinde intensiv gemäht bzw. gepflegt: Schulen, Kindergärten, Sportplätze. Das sind natürlich auch Kosten. Der Rest wird extensiv gepflegt und wird von Jahr zu Jahr schöner und artenreicher. Manchmal bringen wir getrocknetes Schnittgut von einer sehr gut entwickelten Fläche auf einer Wiese aus, die noch Potenzial hat und versuchen damit noch mehr Artenvielfalt auf diese zu bringen.

Sie haben zudem an den beiden Bauhoftrainings der Biosphärenregion in 2019 und 2020 teilgenommen. Was an Erfahrungsschatz konnten Sie davon mitnehmen und was kann konkret bei Ihnen in der Gemeinde umgesetzt werden?
Mader: Impulse gab es da einige. Zum Beispiel wie man Straßenböschungen sehr einfach artenreich angelegt werden können: bei uns ist es bislang üblich, nährstoffreichen Humus auf der Böschung aufzubringen, da hat es Artenvielfalt schwer. Aber wenn man, wie es in Österreich schon länger praktiziert wird, eine magere Fläche vorbereitet, dann kommen die wirklich speziellen Blühpflanzen und seltenen Insekten. Das ist einfach schön anzuschauen.

Wie sehen Sie generell die Möglichkeit für Gemeinden, mehr artenreiche Lebensräume zu gestalten? Wie möchten Sie sich dazu als Gemeinde auch positionieren?
Mader: In Saaldorf-Surheim haben wir schon fast 80% unserer Flächen als Blühflächen entwickelt und pflegen auch einige Obstbaumwiesen. Eine Stadt tut sich da sicherlich schwerer als eine ländlichere Gemeinde.
Buchwinkler: Mittlerweile haben wir fast alle für Blühwiesen in Frage kommende Flächen entsprechend aufgewertet. An der Kläranlage gibt es eventuell noch ein Stück, auf dem man noch mehr Artenvielfalt bringen könnte. Wo es geht, machen wir das.

Gab es Resonanz in der Gemeinde, von den Bürgern? Und was erwarten Sie in diesem Jahr von den angelegten Blühflächen?
Buchwinkler: Es hat sich da ähnlich wie bei den Blühwiesen selbst verhalten und ebenfalls Zeit gebraucht. Am Anfang gab es schon kritische Stimmen, weil es doch etwas „unordentlich“ aussähe. Ich habe aber das Gefühl, dass das Bewusstsein bei den Bürgern in der Gemeinde für Naturschätze dieser Art wächst und die Blühwiesen schon als echte Bereicherung wahrgenommen werden.
Mader: Ja, auf alle Fälle. Ich sehe oft Leute, die bewundernd und staunend vor unseren Blühwiesen stehen, weil’s ihnen gefällt. Zu recht. Wenn wir uns die ganzen Flächen ansehen, die wir als Blühwiesen angelegt haben, dann haben sich die wirklich sehr gut entwickelt, auch die von letztem Frühjahr.

Auch in den kommenden Jahren möchte die Biosphärenregion das Saatgut von artenreichen Wiesen sammeln und gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband Biosphärenregion Berchtesgadener Land e.V. die Ernteaktivitäten ausweiten. Deshalb werden immer neue Spenderflächen gesucht. Dabei handelt es sich um artenreiche Blumenwiesen, die maximal zwei Mal pro Jahr gemäht und nur wenig gedüngt werden. Interessierte können sich gerne an Sabine Pinterits von der Biosphären-Verwaltungsstelle wenden, per Mail sabine.pinterits@reg-ob.bayern.de oder telefonisch unter 08654/30946-15.




Visitenkarten als Microformate

Rolf Gerlach
UNESCO Biosphärenreservat Berchtesgaden
Rolf.Gerlach@reg-ob.bayern.de
Salzburger Str. 64
83435 Bad Reichenhall, Bayern, Germany
+49.8651/773-540
+49.8651/773-111